Welpenschutz

Kontakte zu fremden Welpen und Junghunden

von Manfred Hardtke

Wenn die, im Vorfeld von mir erdachte Hundefamilie weiterhin und relativ selbständig zusammen lebte, hätten rudelfremde Welpen natürlich gar keinen leichten Stand. Ignorieren, vertreiben oder töten wären eher zu erwarten, als freudvolle Aufnahme in den gewachsenen Familienverband, mit allen seinen Rechten und Pflichten. Bedenken wir, dass dabei die Elterntiere als Entscheidungsträger auftreten und sich nicht von den möglichen Gefühlswallungen des eigenen Nachwuchses beeinflussen lassen.


friedliche Begnung zwischen Althündin und  Welpen

Praxisnah gehe ich nun mit meinem Hund einfach mal spazieren: Einer von uns beiden ist, bereits dabei, gemäß der differierenden Lebenserfahrung, der Entscheidungsträger. Da taucht ein anderer Hund auf. Auf dem Weg, der doch eigentlich "unser Weg" ist. Der Hund nähert sich ungeniert dem Freiraum unserer Gruppe, zeigt unterwegs sogar noch ungehemmte Vorfreude anstelle von Respekt, versucht körperlichen Kontakt und Aufmerksamkeit zu erlangen und sorgt so für einen (egal wie) erhöhten Erregungszustand in beiden Gruppen.

Selbst einem Welpen stehen diese Rechte ganz einfach aus Hundesicht nicht zu.

Und wenn "Mensch" als Rudelchef bei der Begegnung nicht als Entscheidungsträger seiner Gruppe agiert, sogar die Entscheidung offensichtlich delegiert, dann muss mein Hund eben auch entscheiden:

  • den Hund finde ich prima und er gehört ab jetzt zu mir (der "Rest" ist mir egal)
  • ich kontrolliere mal, mit wem ich es zu tun habe und dann sehe ich weiter

  • den Hund ignoriere ich weitgehend – damit ihm seine Erfolge ausbleiben

  • den Hund weise ich in die Schranken des rudeltauglichen Verhaltens
    (schere dich fort - zu deinem Rudel!)

  • Der Erregungsgrad des Fremdlings (auch wenn wir ihn sogar kennen) ist so hoch, dass er meine normalen Signale nicht wahrnimmt. Deshalb muss ich die Aufregung umleiten (z.B. Rennspiel), beschwichtigen oder auch sogar drastisch hemmen.

  • dieser Hund wird verjagt, angegriffen, bekämpft oder getötet

  • ich kann auch flüchten vor der Begegnung oder mich reglos tot stellen.

  • möglich auch, dass ich mich unterwürfig präsentiere und dabei uriniere.

Nun stellen wir uns den gleichen Treffpunkt vor – nur wir folgen der aktuell tendenziellen Mehrhundehaltung – ich bin mit Rüde und Hündin unterwegs (oder werde dabei geduldet!).
Auch mitbestimmt vom Hormonstatus entscheidet "Hund" noch entschiedener:

  • ein Welpe vielleicht sogar interessant, aber nicht unser Nachwuchs

  • etwas Fremdes, das unseren Alltag stört, mir meinen Partner ausspannen könnte.

  • ich ergreife die Initiative als aktueller Entscheidungsträger meiner Gruppe

Exakt wertet unser Hund kleinste Nuancen im "Erscheinungsbild" des Artgenossen und Signale im Umfeld aus und entscheidet mit seiner aktuellen Lebenserfahrung. Bereits damit kann er aber auch schon psychisch überfordert sein, was sich in seinen Problemen bei den Begegnungen zeigt.

Was geht erst in einem Hund vor, wenn ein fremder Welpe den häuslichen Burgfrieden bedroht, zum Mittelpunkt aller Gastfreundschaft der Menschen wird und sich noch dazu ungeniert für Schlafplätze, Futternäpfe und Spielzeug interessieren darf? Hausherr "Hund" muss sogar eine kleine Palastrevolution miterleben, wenn er nur die ureigenen Interessen wahrt und dafür mit typisch menschlicher Ignoranz konfrontiert wird und Zurechtweisung oder "Bestrafung" erntet?

Und, was noch wichtiger ist:
wir selbst haben ja unseren Vierbeiner (damals noch Welpe) in seiner sozialen Entscheidungsfreiheit bei wichtigsten Begegnungen über Monate regelgerecht bestärkt. Und wenn er, nun als Erwachsener, auch mal in die Schublade "aggressives Verhalten" gegenüber dem potentiellen Rivalen um Privilegien⁄Ressourcen greift, dann mischen wir uns urplötzlich ein.